Gesche Gottfried Sachbuch





Gesche Gottfried - Eine Bremer Tragödie
(Bereits in der 2. Auflage!)

Edition Temmen, ISBN 978-3-8378-1012-7, 240 Seiten, 24 x 17 cm, 14,90 Euro, Hardcover, mit 83 teils bisher unveröffentlichten Abbildungen.

Erhältlich im Buchhandel oder hier




Gesche Gottfried vergiftete von 1813 bis 1827 in Bremen fünfzehn Menschen, darunter ihre Eltern, Kinder und Ehemänner. Mindestens neunzehn weiteren Personen gab sie von 1823 bis 1828 wiederholt Gift in nichttödlicher Dosis. 1828 wurde sie verhaftet, 1831 öffentlich durch das Schwert hingerichtet.

Mit diesem Buch habe ich nunmehr die beiden lange verschollen geglaubten Gesche-Gottfried-Prozessakten zum wichtigsten Teil ausgewertet und veröffentlicht. Vieles ist hier zum ersten Mal zu lesen und zu sehen.

War mein vor vierzehn Jahren erschienenes und seit langem vergriffenes Buch »Gesche Gottfried. Ein langes Warten auf den Tod«, als eine Bestandsaufnahme der Prozessakten gedacht, in der die Ereignisse oftmals nur gestreift oder in geraffter Form dargeboten werden konnten, so werden hier jetzt erstmals ausführlich der Fortgang der gerichtlichen Untersuchungen beleuchtet, den Aussagen der Personen aus dem Umfeld Gesche Gottfrieds breiteren Raum gegeben, ein ausführlicheres Bild des Untersuchungsrichters Senator Droste gezeichnet; überhaupt die Rand- und Nebenfiguren mehr in die Mitte gestellt.

Die gewichtigen ersten drei Tage nach der Verhaftung Gesche Gottfrieds sind hier zum ersten Mal nahezu lückenlos und mit bislang noch nie veröffentlichten Fakten und Bildmaterialien dokumentiert. Stärker beleuchtet habe ich ebenfalls die Aussagen der mit dem Leben davongekommenen Giftopfer. Diese Protokolle geben einen erschütternden Einblick und machen zugleich eine Sprachlosigkeit deutlich, die Bremen letztendlich bis zum heutigen Tage nicht verlassen hat.



Gesche Gottfried - Eine Bremer Tragödie
Inhaltsverzeichnis


I. Das Leben Gesche Gottfrieds bis zu ihrer Verhaftung
  1. Bremen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts
  2. Kindheit und Jugend Gesche Gottfrieds.
  3. Ehe mit Johann Gerhard Miltenberg
  4. Die erste Phase der Vergiftungen von 1813 bis 1817
  5. Zwischenspiel: Sechs Jahre ohne Gift
  6. Die zweite Phase der Vergiftungen von 1823 bis 1828
  7. Die Monate vor der Verhaftung
  8. Die Ärzte

II. Das Ende des Wahnsinns (Mittwoch, 5. März und Donnerstag, 6. März 1828)
  1. Gesche Gottfrieds Entdeckung am Mittwoch, 5. März
  2. Vor dem Kriminalgericht
  3. Erste Vernehmung Gesche Gottfrieds in ihrer Wohnstube
  4. Vernehmung der Magd bei Rumpff, dann der Magd bei Madam Hack
  5. Gesche Gottfrieds Abführung auf das Stadthaus

III. Die ersten Tage in der Gefangenschaft (Donnerstag, 6. März bis Sonntag, 9. März 1828)

  1. Das erste Verhör im Stadthaus am Abend des 6. März
  2. Gesche Gottfrieds Verhaftung
  3. Aus dem Protokoll vom Freitag, 7. März
  4. Aus dem Protokoll vom Sonnabend, 8. März
  5. Senator Drostes gestörte Sonntagsruhe: Die Ereignisse vom Sonntag, 9. März
  6. Das zweite Verhör am Sonntagabend, 9. März

IV. Mordgeständnisse (10. bis 15. März 1828)
  1. Drittes Verhör am Montag, 10. März: Die Vergiftung ihrer drei Kinder und des alten Kleine
  2. Viertes Verhör am Dienstag, 11. März: Die Vergiftung ihres Bruders und der Beta Schmidt
  3. Fünftes Verhör am Mittwoch, 12. März. Ein Verhör ohne Geständnis
  4. Sechstes Verhör am Donnerstag, 13. März: Die Vergiftung ihres ersten Ehemannes
      Miltenberg, ihres zweiten Mannes Gottfried, ihres Verlobten Zimmermann und des
      Johann Mosees
  5. Ein Tag ohne Verhör. Die Ereignisse vom Freitag, 14. März
  6. Siebentes Verhör am Sonnabend, 15. März: Die Vergiftung des Vaters

V. Stockungen (17. März bis 25. April 1828)
  1. Der »Drang, Gift zu geben«
  2. Konfrontation mit dem Gottlieb Kleine
  3. Ein ratloser Senator Droste
  4. Herdentorsfriedhof, Grab Nr. 881
  5. Ostergespräche
  6. »Der Vater ist der Mörder«
  7. Exhumierung der Leiche der Beta Schmidt
  8. Leichenschau

VI. Gesche Gottfried erzählt (26. April bis 8. Mai 1828)
  1. Von der Vergiftung Miltenbergs, ihrer Kinder und des Vaters
  2.
Vom Kartenlegen und von Prophezeiungen
  3. Von der Vergiftung des Bruders und des Michael Christoph Gottfried
  4. Von der Vergiftung des Paul Thomas Zimmermann

VII. Der psychische Zusammenbruch (9. Mai bis 17. Mai 1828)
  1. Ein weiteres Mordgeständnis: Die Vergiftung der Anna Lucia Meyerholz.
  2. Ein Meineid zu Stade
  3. Von der Vergiftung des Johann Mosees
  4. Das vorletzte Mordgeständnis: Die Vergiftung der Wilhelmine Rumpff
  5. Überführung ins Detentionshaus
  6. Das erste Verhör im Detentionshaus: »Ach Gott, mir geht ein Licht auf, alle leben «

VIII. B
eruhigung (18. Mai bis 23. Juli 1828)
  1. Ein Sonntagsgespräch
  2. Die vorerst letzten Verhöre.
  3. Gesche Gottfried erzählt: Von der Vergiftung des Friedrich Kleine
  4. Von den Giftgaben in nichttödlicher Dosis
  5. »Correspondenz aus Bremen«
  6. Briefe
  7. Das letzte Mordgeständnis: Die Vergiftung der Mutter

IX. Ein langes Warten auf den Tod (24. Juli 1828 bis 11. April 1831)
    1. Die ersten Besuche Pastor Rotermunds
    2. Und nochmals Gespräche, Briefe und Verhöre
    3. Die ersten Publikationen
    4. Freimarkt 1828: Sensationsgier und Betrug
    5. Friedrich Leopold Voget: der Verteidiger
    6. Die Verteidigungsschrift
    7. »Gesinia, Die Teufelsbraut«
    8. Ein Prediger
    9. Gesche Gottfried schreibt Voget zwei lange Briefe
  10. Pastor Rotermund geht
  11. Freimarkt 1829: Gesche Gottfried wird porträtiert
  12. Pastor Dräseke
  13. Das Todesurteil

X. Die letzten Tage (12. April 1831 bis 21. April 1831)
  1. Die Bestätigung des Todesurteils
  2. Die Aufhebung der Zensur
  3. Die Hinrichtung
  4. Nachsatz: Gesche Gottfried des weiteren



Leseprobe Gesche Gottfried - Eine Bremer Tragödie


Im Oktober 1829 wurde Gesche Gottfried im Gefängnis porträtiert. Das Porträt wurde anlässlich des Bremer Freimarkts, ein alljährlich im Herbst stattfindendes Volksfest, als Steindruck verkauft. (Ausführlich hierüber in meinem Buch ab Seite 202.)

Eine zeitgenössische Darstellung der Lebensgeschichte Gesche Gottfrieds, verfasst von ihrem Verteidiger Friedrich Leopold Voget, zeigt uns eine kalt berechnende, aus nieder- en, gewinnsüchtigen Motiven mordende Frau und ein über die Nachricht ihrer Verhaftung und ihrer Giftmorde gleichsam aus allen Wolken fallendes Bremer Bürgertum.
Bis in unsere Zeit ist diese Darstellung immer wieder von neuem ungeprüft übernommen worden, freilich auch ohne dass sie einer näheren Prüfung hätte unterzogen werden können, denn die Prozessakten als Vergleichsmaterial galten seit ihrer Auslagerung während des zweiten Weltkrieges als verschollen. In den 1950er Jahren tauchten diese Prozessakten im Moskauer Zentralarchiv auf. Sie wurden zunächst dem Ostberliner Archiv übergeben und gelangten erst im Frühjahr 1987 im Konvolut mit zahlreichen anderen bremischen Archivalien aus der damaligen DDR zurück nach Bremen. Es sind dies die zweibändigen »Protokolle des Criminalgerichts in Untersuchungssache
wider die Giftmischerin Gesche Margarethe Gottfried geborene Timm«.

Die beiden Aktenbände, die den Prozess gegen Gesche Gottfried dokumentieren. Sie waren während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert worden und kamen erst 1987 aus der damaligen DDR zurück nach Bremen.

Während der erste Band auf 776 Bogenseiten protokollarisch den gesamten Ablauf des Prozesses gegen Gesche Gottfried dokumentiert - beginnend mit der Anzeige des Dr. Luce am 6. März 1828, über Verhöre und Zeugenaussagen, bis zum Protokoll ihrer Hinrichtung am 21. April 1831 - enthält der zweite Band Gutachten, Briefe Gesche Gottfrieds, Skizzen, Gedächtnisprotokolle des Untersuchungsrichters Senator Droste, die Verteidigungsschrift, das Todesurteil, sogar die Stoffprobe einer Nachthaube und viele andere Dokumente mehr. Insgesamt umfasst dieser zweite Band laut einem Inhaltsverzeichnis 288 Positionen, von denen allerdings ein Teil sich nie in der Akte befunden hatte, wie beispilesweise mehrere im Verlaufe der Untersuchung aufgefundene Mäusebutterkruken oder Dokumente, die als Beweismittel in Nebenklagen benötigt worden waren.
Im Sommer 1988 habe ich dieses umfangreichen Aktenmaterial zum ersten Mal im Bremer Staatsarchiv eingesehen und seitdem einer systematischen Auswertung unterzogen. Diese schrittweise Auswertung ergab eine solche Fülle bisher unbekannter Seiten zum Kriminalfall Gesche Gottfried, dass meine immer wieder in Teilveröffentlichungen publizierten Forschungsergebnisse das Bild der Gesche Gottfried grundlegend verändert haben.

Aus dem vom Gerichtssekretär Dr. Johann Eberhard Noltenius geführten Verhörprotokoll. Der Beginn eines Verhörs vom 20. März 1828: "Erschien vorgeführt und deponierte befragt Michael Christoph Gottfried Wittwe. Die Gemüthsstimmung derer ich erwähnt habe, daß es mir nemlich war, als wenn eine innere Stimme mich trieb Gift zu geben, mag wohl sechs Jahre her seyn. Ich habe manchmal für mich beschlossen, daß ich es nicht wiederthun wolle. Ja, ich habe sogar eine Kruke Mäusebutter weggeworfen, um es nicht mehr zu thun. Nachher aber verfiel ich doch wieder zum Bösesthun. ..." (weiter in meinem Buch ab Seite 102)

Es zeigte sich, dass die Prozessakten nicht selten den von den Bremern so sorgsam gehüteten Vogetschen Darstellungen widersprechen, ein anderes Bild der Ereignisse geben, gar belegen, dass Voget wiederholt nicht nur grob vefälscht zitiert, sondern auch dem amtlichen Protokoll eigenes hinzugedichtet hatte.

  Vogets wenige Tage vor der Hinrichtung herausgegebene Lebensgeschichte Gesche Gottfrieds. (Näheres hierzu und zu dem beigegebenen Porträt ausführlich in meinem Buch Seite 206 und ab Seite 215.)

In den gerichtlichen Zeugenaussagen bereits der ersten Tage nach Gesche Gottfrieds Verhaftung wird deutlich, dass ihr mörderisches Treiben keineswegs im Verborgenen vonstatten gegangen war, wie es ein durch diese Frau zutiefst kompromittiertes Bremer Bürgertum sogleich eilig darzustellen sich bemüht hatte. Die Akten belegen vielmehr, dass es bereits Jahre vor der Verhaftung Gesche Gottfrieds immer wieder Warnungen vor dieser Frau gegeben hatte, belegen, dass es aus ihrem Umfeld konkrete Hinweise gab, dass sie mit Gift hantiere und dass ihre Mitwelt diesen Warnungen in nachgerade unglaublicher Gleichgültigkeit gegenüberstand.
Auch von Voget verschwiegene katastrophale Fehldiagnosen der Bremer Ärzte konnte ich durch die Akten belegen. Und noch etwas anderes wird nach meiner Auswertung der Prozessakten mehr als deutlich: das von Voget entworfene Bild einer kaltberechnenden, aus Geldgier und Gewinnsucht mordenden Gesche Gottfried lässt sich nicht aufrecht erhalten. Für keinen der Morde und Giftgaben in nichttödlicher Dosis findet sich ein schlüssiges Motiv. Vielmehr wird offensichtlich, dass ihre Gesellschaft nicht akzeptieren konnte, in Gesche Gottfried eine psychisch kranke Frau zu sehen.


Eine der sogenannten Registraturen, die der Untersuchungsrichter Senator Dr. Franz Friedrich Droste als Gedächtnisprotokoll anfertigte. Die Registratur ist datiert 9. März 1828, also drei Tage nach der Verhaftung Gesche Gottfrieds. "So eben erschien der hiesige Schneidermeister Dolge in meiner Wohnung um ein Wort über die Gottfried zu sprechen, die er so lange schon kenne, u die er seiner Versicherung nach an den Übelthaten, die ihr jetzt in der Stadt nachgeredet würden, so unschuldig halte, dass er wohl dafür einstehen möge. Die Gottfried daure ihn da sie niemanden habe der sich ihrer annehme u er ihr stets beygestanden und sie berathen habe. Er kenne sie seit ihrer Kindheit ..." (weiter in meinem Buch ab Seite 65)

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Nach nunmehr zwanzigjähriger Forschungsarbeit möchte ich mit meinem Buch Gesche Gottfried - Eine Bremer Tragödie  die Auseinandersetzung mit der Bremer Giftmörderin endgültig abschließen. Obgleich ich die Prozessakten nunmehr zum wichtigsten Teil ausgewertet und veröffentlicht habe, sind doch Fragen offen geblieben. Wer über Gesche Gottfried weiter forschen möchte, dem sind vielerlei Ansatzpunkte gegeben. Wenn eine ernste, wissenschaftliche Arbeit angestrebt wird, bin ich gerne zur Hilfestellung bereit. Auch gebe ich dann gerne eine Einführung in die beiden, für den Nichtkundigen kaum zu entwirrenden Prozessakten, die jederzeit als Mikroverfilmung im Bremer Staatsarchiv eingesehen werden können. (Mikrofilm-Nr. FB 2216 und FB 2217)

  Stammblatt Gesche Gottfrieds aus der Zeit vor ihrer Verhaftung. Sie schrieb dieses Kärtchen an ihre langjährige Freundin Marie Heckendorff, die von 1824 bis 1827 immer wieder mit Mäusebutter in nichttödlicher Dosis von ihr bedacht worden war.
Transkription des Textes sowie ausführlich über Marie Heckendorff in meinem Buch Seite 76.